Archiv für Juli 2013

Auf gute Nachbarschaft!

Marburg, 22.07.2013
Auf gute Nachbarschaft!

Seit Freitagabend (19.07.2013) ist die leer stehende ehemalige Augenklinik der Universitätsklinik Marburg in der Robert-Koch-Straße besetzt. Die BesetzerInnen fordern mit dieser Aktion eine erneute öffentliche Diskussion über fehlenden Wohn- und Sozialraum im Stadtgebiet der Universitätsstadt, stetig steigende Mietpreise und skandalisieren die städtische Unterstützung von Sanierungsprojekten von Privatinvestoren.

Wir, die BewohnerInnen des Bettenhauses, begrüßen die Initiative der BesetzerInnen, erneut gegen offensichtliche Widerstände diese Themen ins Bewusstsein der Marburger Öffentlichkeit zu tragen. Das Bettenhaus, selbst einst Teil des hiesigen Universitätsklinikum, ist seit seinem Bestehen vor 28 Jahren ein Beweis für die Notwendigkeit von Räumen, die nicht nur bezahlbaren Wohnraum garantieren. Es ist auch ein Beleg dafür, wie wichtig ist es einen Ort zu haben, in dem für sozialen und politischen Austausch die hierfür notwendige Zeit zur Verfügung steht. „Die Selbstverwaltung unseres Hauses, die unzähligen Aushandlungs- und Austauschprozesse sowie die Erfahrung von kollektiver Zusammenarbeit und Zusammenwohnen waren Erlebnisse, die ich woanders wohl nie gemacht hätte. Die Möglichkeit sich mit anderen Menschen so intensiv austauschen zu können, gemeinsam an einem, an unserem Projekt zu arbeiten, hat mich nachhaltig geprägt und politisiert.“, resümiert Clara R., eine ehemalige Bewohnerin des Bettenhauses.

Bereits 1985 eigneten sich Studierenden und Menschen, die Marburg ausmachen, und die ihre Kreativität und ihren Wunsch nach einem anderen, einen besseren Leben kollektiv Raum geben wollten, das damals stillgelegte Bettenhaus an.

In den vergangen 28 Jahren war der Erhalt und die Finanzierung unseres Bettenhauses stets prekär und die Aufrechterhaltung der eigenen Selbstverwaltung ein zeit- und arbeitsintensiver Prozess, der quasi neben Studium, Lohnarbeit usw. passieren musste.

Die nun von den BesetzerInnen der (T)Raumklinik geforderten sozialen und politischen (Wohn)(T)Räume stellen für uns BewohnerInnen daher eine berechtigte und unterstützenswerte Forderung dar.

Denn das Problem des Wohnungsmarktes ist in Marburg seit Jahren bekannt, nur wird nicht angemessen darauf reagiert. Stattdessen wurde in der Vergangenheit mit dem Collegium Gengium (CG) ein selbstverwaltetes Studierendenwohnheim von der Universität und der Stadt unter fadenscheinigen Gründen geschlossen, ohne eine Alternative zu schaffen. Darüber hinaus wird auch in Marburg weiter Wohnraum vernichtet. So mussten beispielsweise in der Rosenstraße Wohnungen dem neuen Tagungscenter der Deutschen Vermögensberatung weichen.

Neu geschaffener Wohnraum, wie die Studierenden-Appartements zwischen Mensa und Phil-Fak, sind meist nicht nur unverschämt teuer, sondern auch dezidiert nur auf Studierende zugschnitten. Was zur Folge hat, dass Menschen, die nicht studieren oder auch mit Kindern zentrumsnah wohnen wollen schlichtweg keine bezahlbaren Wohnungen finden. „Die Wohnungsnot in Marburg ist damit kein reines Studi-Problem, auch wenn die Skandalisierung dieser Missstände aus einem eher studentisch geprägten Umfeld kommen“, so Philipp Salomo aus dem Vorstand des Vereins zur Förderung studentischen Wohnens e.V

Das Problem von steigenden Mieten und fehlenden Wohnraum ist jüngst auch in die bundesdeutsche Öffentlichkeit gerückt. Neben den Versuchen es als Wahlkampfthema zu gebrauchen, belegen auch zahlreiche Studien, wie die in dieser Woche von der Bertelsmann veröffentlichte Erhebung, die massiven Auswirkungen von Mietpreiserhöhungen und den Mangel an sozialverträglichen und familiengerechten Wohnen: So müssen beispielsweise im Stadtgebiet Frankfurt viele Familien fast jeden zweiten Euro ihres Einkommens für die Miete ausgeben.

Aus diesen Gründen solidarisiert sich das Bettenhaus Marburg mit den BesetzerInnen der (T)raumklinik und schließt sich ihren Forderungen an. „Wir freuen uns über Aktionen der BesetzerInnen und die Veranstaltungsreihe der Recht-auf-Stadt-Initiative. Unsere Erfahrungen zeigen, dass eine andere Form des Zusammenlebens möglich sein kann. Was fehlt, ist jetzt nur noch eine Politik, die neben Wahlversprechen auch Initiativen wie die der (T)Raumklinik ernst nimmt und zum Anlass einer tatsächlichen Auseinandersetzung nimmt, anstatt die BesetzerInnen vorschnell zu kriminalisieren. Die seit heute Mittag durchgeführte Räumung der Klinik durch ein massives Polizeiaufgebot ist keine angemessene Reaktion auf die Thematisierung dieser wichtigen sozialen und politischen Fragen“, so Philipp Salomo.

Auf gute Nachbarschaft! Euer Bettenhaus