Archiv für Dezember 2015

Statement und Antwort der Bewohner*innen des Bettenhauses zu den Beleidigungen durch Alexander Kaschte (Samsas Traum) bei Facebook

Link: zur vollständigen Stellungnahme als .pdf
Stellungnahme zu Kaschte als .pdf

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Am Abend des 24.11. entdeckte eine Bewohnerin des Hauses einen höchst beleidigenden Post
bei Facebook, der sich unter anderem auf unser Haus bezieht. Der Post war zu diesem
Zeitpunkt bereits eine Woche im Netz, wurde von über 100 Personen geliked und 25 Mal
geteilt. Mittlerweile wurde der Post gelöscht. (Ein Bild des Post ist in der vollständigen Stellungnahme(s.o.) zu finden.)

Nun wird diese öffentliche Mitteilung erst einmal für die meisten Leser*innen höchst
befremdlich wirken. Darum hier ein kurzer und knapper Versuch zusammen zu fassen,
worum es hier zunächst gegangen ist:

Was war passiert? Oder: Warum hier von Zensur geredet wird und wie das Bettenhaus
damit zunächst nichts zu tun hat.

Die Band Samsas Traum aus Marburg, deren Frontmann Alexander Kaschte ist, wird am 19.
Dezember im KFZ ein Weihnachtskonzert geben, bei dem sie ankündigen, Songs der Band
Death in June zu covern. Der Pressetext zum Konzert wurde vor einiger Zeit an die
Marburger Medien geschickt.

Death in June ist eine britische Neofolk Band, die u.a. aufgrund der Verwendung
faschistischer Symbole und Ästhetik, politisch umstritten ist. So haben sie unter anderem auf
dem Album „Brown Book“ von 1987 das Hörst-Wessel-Lied (inoffizielle Hymne der SA und
der NSDAP) gecovert. Das Album wurde in Deutschland verboten.

Das Marburger Radio-Kollektiv Radio Unerhört Marburg (RUM), die u.a. besagten
Pressetext zugesandt bekamen, wussten um die Diskussion um die Band und baten daraufhin
um eine Auseinandersetzung zu der vollkommen wertfreien Ankündigung von Death in June-
Covern auf dem Weihnachtskonzert der Band Samsas Traum. Es wurde vorgeschlagen das
Covern von kritikwürdigen Bands mit einer inhaltlichen Auseinandersetzung zu begleiten.
Die Konzertankündigung des Pressetextes wurde daraufhin seitens des Veranstalters KFZ
geändert, sodass der Bandname Death in June herausgenommen wurden. Zu keinem
Zeitpunkt wurde also der Band Samsas Traum von irgendjemandem „verboten“ besagte Band
zu covern. Die Reaktion auf diese erste Nachfrage von Radio RUM ist der öffentliche Post
von Kaschte bei Facebook. Er verwechselt damit also Kritik mit Zensur und unterstreicht
seinen Ärger mit dem Posten eines neuen Songs der Band Death in June.

Unabhängig davon, würden wir unter den Umständen, dass Death in June offen rechtsradikale
Texte veröffentlicht hat und der Frontmann besagter Band sich selbst als Nationalbolschewist
bezeichnet hat, nicht von Zensur reden, sondern halten es für notwendig Bands mit
menschenverachtenden, faschistischen Texten (auch wenn diese nur gecovert werden)
zumindest kritisch zu begleiten, wenn nicht gar – wenn eine solche Auseinandersetzung nicht
möglich erscheint – ihnen auch keine Bühne zu bieten.

Was hat das Bettenhaus damit zu tun oder: Die Geschichte mit dem Zaun.

Im Gebäude des Bettenhauses befindet sich seit 30 Jahren eine Kindergruppe. Der in Kaschtes
Post erwähnte Zaun, der auf dem Bettenhaus-Gelände seit einiger Zeit die Parkplatzfläche
vom Garten trennt, ist eine Maßnahme, die die städtischen Behörden der Kindergruppe zur
Vorgabe gemacht hat. Er wurde, wie es in solchen Fällen üblich ist, vom Trägerverein der
Kindergruppe bezahlt. Es mag sein, dass Kaschte für diesen Trägerverein Spenden gesammelt
hat. Ob und wieviel von diesen Spenden in den Bau des Zauns auf dem Gelände des
Bettenhauses und zur Absicherung der Spielfläche der Kindergruppe geflossen ist, ist dem
Bettenhaus-Bewohner*innen selbst nicht bekannt.

Und jetzt? Von A wie Aufschrei bis Z wie Zensur.

Kaschtes Post ist für uns auf mehreren Ebenen problematisch.
Das offensichtliche ist wohl seine bewusst gewählte Wortwahl. Sein Gepöbel soll treffen,
verletzen und zwar gezielt. Dies passiert nicht irgendwie, sondern er bedient sich dabei
Begriffen, die klar auf eine Diffamierung im weitesten Sinne „linker“ Themenfeldern abzielt.
Zum Ausdruck kommt dabei, was er wirklich über unser Projekt und uns als Menschen denkt.
Gleichzeitig verstößt er damit in so vielen Punkten gegen unser Selbstverständnis, dass wir
eigentlich nur sagen können, wer so über das Bettenhaus denkt, der hat hier auch nichts
verloren.

Daher haben wir uns entschieden Alexander Kaschte in unseren Räumen nicht mehr
willkommen zu heißen und ihn explizit aus unserem Projekt zu verweisen.

Diese Entscheidung ist uns nicht einfach gefallen, da uns viel an der Kindergruppe und ihrer
sehr guten Arbeit liegt und wir verhindern wollen, dass dieser verbale Angriff von Kaschte
gegen unser Projekt die hiervon unabhängige Kindergruppe beeinträchtigt. Daher setzen wir
das „Hausverbot“ für die Räume der Kindergruppe außer Kraft. Wir tun dies in der Einsicht,
dass es uns wichtiger ist Solidarität mit der Kindergruppe zu zeigen als irgendeine Form von
„Machtdemonstration“ zu präsentieren. Kaschtes Beleidigungen wollen wir damit auch unsere
Form der Dialogfähigkeit und inhaltlichen Auseinandersetzung entgegensetzen. Wer sich von
seinen „Fans“ dafür feiern lässt, dass er sich mit verbaler Hetze gegen die in seinen Augen
wohl bestehende „linke Meinungsdiktatur“ gewehrt hat, dem setzen wir emanzipative
Formen der Auseinandersetzung entgegen. Die Verantwortung für sein Handeln muss er
selbst übernehmen. Die Aggression geht von ihm aus und die Konsequenzen, die darauf
folgen, hat er selbst herbei zitiert.

Kaschte, der sich durch seine in sozialen Netzwerken gepostete Spendenüberweisungen an
Projekte wie „Pro Asyl“ oder „ Exit“, gerne als spendabler Typ präsentiert, möchte sich mit
den Verweisen auf seine Unterstützung des Zaunprojekts vielleicht einer Kritik für sein
sonstiges Handeln entziehen. Vielleicht ist es auch eine Art künstlerische Imagepflege, die er
hier auf Facebook exerziert. Wir wissen es nicht und es ändert für uns auch nichts an der
Tatsache, dass es keine entschuldigenden Ausreden für ein solches Verhalten gibt. Wir
können als Haus keine Angaben darüber machen, was Kaschte denn „eigentlich“ sagen
wollte, wir können Ihn aber daran messen, welche Worte er benutzte und auf welche Art und
Weise er seinen sogenannten „Ärger“ Ausdruck verleiht. Das Bedienen solch u.a. misogynen
Stereotype sagt indes viel aus über sein Frauen*bild und seiner anscheinend sehr wichtigen
Imagepflege als „echter Kerl“.

Für uns kommt am Ende hier jedoch noch etwas Weiteres zum Ausdruck:
Seine Band wird für einen triftigen Grund von einer Marburger Institution kritisiert und zu
einem öffentlichen Diskurs aufgefordert. Kaschte nimmt dies zum Anlass sich selbst als
„Zensuropfer“ zu inszenieren und das Bettenhaus und alle Menschen, die er als links oder
antifaschistisch, nämlich als „die Liebe Marburger Linke“ zu erkennen meint, in einen Topf
zu werfen und zu beleidigen. In Kaschtes Vorstellung eines omnipräsenten „linken
Meinungskollektiv“ ist tatsächlich nebensächlich von woher, von wem und aus welchen
Gründen Kritik geäußert wurde – für ihn agiere hier „im Geheimen“ wohl die
„Schaltzentrale“ Bettenhaus.

Wer einer tatsächlich nur in seiner Fantasie bestehender stets kollektiv agierender Marburger
Linken mit solchen Beleidigungen angreifen will, bedient sich zwar sehr verletzender aber
auch sehr einfacher Pöbeleien, die zum 1×1 des Zensur-Schreiers gehören.
Der Zensur-Schreier kennt sich selbst nur als Verteidiger der „richtigen“ Sache. Ihm wird
Unrecht getan, obwohl er doch eigentlich nur „Gutes“ will.

Wer aber Kritik immer gleich als Zensur versteht, will kein Gespräch, er will Recht haben und
behalten und zwar ohne Diskussion, ohne inhaltliche Auseinandersetzung. Blindlings wird
daher um sich geschlagen, egal wen es trifft und ungeachtet dessen, welche weiterführenden
Schäden ein solches Verhalten mit sich bringen kann.

Einziges Gegenmittel scheint dem von einer linken Übermacht Umstellten nur der verbale
Frontalangriff. Wer oder was dabei unter die sprichwörtlichen Räder kommt ist Nebensache.
Selbsterhöhung ist das Ziel, die „richtige“ Seite, also die eigene, muss verteidigt werden,
gegen wen genau ist dabei überflüssig zu erwähnen, Hauptsache ordentlich austeilen und
endlich so reden dürfen „wie einem die Schnauze gewachsen“ ist. Schließlich „muss-man-es-
ja-mal-sagen-dürfen“.

„Lieber“ Kaschte, wir müssen also gar kein Konzert von Dir besuchen um zu wissen, was du
über „Pegida und Co.“ denkst, denn wer auf diese Art und Weise austeilt, dem sei nahe gelegt
sich nach dem ersten Aufschrei mal nach rechts um zu schauen, um zu sehen von welcher
Seite da denn wirklich der Applaus kommt.
Über inhaltliche Nähe wollen wir dabei gar nicht reden; aber den Beißreflex des
Zensurschreiers scheinst du auch jetzt schon vorzüglich zu beherrschen.
Und wer des Applauses wegen Menschen und Projekte auf dieser Art und Weise öffentlich
diffamiert, sollte sich demnächst aus linken Räumen und Orten besser fern halten und den
guten alten Stammtisch aufsuchen.

Stellungsnahme des Bettenhauses zum rassistischen Vorfall im Studentendorf am 19. August 2015

Am Mittwoch, den 19. August 2015, wurde ein Bewohner des Studentendorfes, der zu seiner Wohnung zurück kam, von einem Mitarbeiter des Studentenwerks rassistisch beleidigt. Nach einem Versuch sich zu verteidigen wurde er von zwei weiteren Mitarbeitern zu Boden gedrückt. Als die Polizei ankam wurde er mit Hand- und Fußfesseln in eine Ausnüchterungszelle auf die Polizeiwache in Cappel gebracht, wo er 8 Stunden ohne weitere Nachforschungen eingesperrt blieb.
Er trug mehrere schmerzhafte Wunden, Quetschungen und weitere Hämatome davon. Das Studentenwerk reagierte mit einer fristlosen Kündigung seines Mietvertrags mit der Folge, dass er die Woche darauf ausziehen musste. Hinzu kommt ein Hausverbot für sämtliche Räumlichkeiten des Studentenwerks Marburg inklusive der Mensa, und eine Schmerzensgeld-/Lohnfortzahlung für den besagten Mitarbeiter.
Das PHILIPP-Magazin berichtete bereits über den Vorfall: https://philippmag.wordpress.com/2015/08/21/carlos-fehler/
Der Betroffene fordert eine öffentliche Stellungnahme des Studentenwerks und eine Einleitung entsprechender interner Maßnahmen sowie die Kündigung des besagten Mitarbeiters.

Mit diesem Schreiben wollen wir, die Bewohner_innen des Bettenhauses unsere Solidarität mit dem Betroffenen ausdrücken und den Forderungen Nachdruck verleihen.
Klar ist, auch das Bettenhaus ist nicht frei von Rassismus und anderen Diskriminerungen. Dennoch ist es unser Anspruch, dieses zu thematisieren und zusammen daran zu arbeiten.

Der Vorfall im Studentendorf spiegelt eine rassistische Grundstimmung wieder, die nicht zuletzt auch durch zunehmende Übergriffe gegen People of Color und Refugees sichtbar wird. Das ignorante Verhalten des Studentenwerks, das ihren Mitarbeiter unkritisch in Schutz nimmt, ist untragbar und muss öffentlich thematisiert werden. Das Schweigen des Studentenwerks ist Ausdruck einer Unfähigkeit des kritischen Umgangs mit den eigenen Mitarbeiter_innen. Dass Diskriminierungen und Betroffenheiten hier nicht ernstgenommen werden, zeigen auch die Aussagen eines weiteren Mitarbeiters auf Nachfrage der Redaktion von PHILIPP und Freund_innen.

Im Rahmen der aktuellen Mietlage in Marburg und anderen Städten ist die vom Studentenwerk durchgesetzte fristlose Kündigung auch aus wohnungspolitischer Sicht rücksichtslos und repressiv. Die Mietpreise sind enorm hoch und steigen jedes Jahr. Viele Menschen sind aus strukturellen Gründen auf das vergleichsweise günstigere Wohnungsangebot des Studentenwerks angewiesen – ob sie es wollen oder nicht.
Besonders am Anfang des Semesters ist es nahezu unmöglich eine Unterkunft zu finden – gerade auch für People of Color, die oftmals garnicht erst zur Vorstellung in WGs eingeladen werden und sich die Suche aufgrund rassistischer Vourteile vieler Vermieter_innen noch schwieriger gestaltet. Wie soll es in diesem Kontext möglich sein, innerhalb einer Woche eine neue Wohnmöglichkeit zu finden?

Rassistisch ist auch das Verhalten der Polizei, die die Aussagen und Beschuldigungen der weißen Mitarbeiter ernstnimmt aber den Betroffenen nicht zu Wort kommen lässt, sondern ihn direkt fesselt und in eine Zelle sperrt.

Die erlittene verbale Gewalt durch rassistische Beleidigungen und die Konsequenzen für den Betroffenen bleiben hierbei völlig unbeachtet.
Diese verbale Gewalt hat für die Betroffenen eine enorme Tragweite, und kann gleichzeitig von weißen Personen in keiner Weise nachvollzogen werden und als schlimmer oder weniger schlimm eingeordnet werden.
Fest steht, dass Rassismus in jeglicher Ausdrucksform nicht akzeptiert werden kann und auf allen Ebenen bekämpft werden muss.