Stellungsnahme des Bettenhauses zum rassistischen Vorfall im Studentendorf am 19. August 2015

Am Mittwoch, den 19. August 2015, wurde ein Bewohner des Studentendorfes, der zu seiner Wohnung zurück kam, von einem Mitarbeiter des Studentenwerks rassistisch beleidigt. Nach einem Versuch sich zu verteidigen wurde er von zwei weiteren Mitarbeitern zu Boden gedrückt. Als die Polizei ankam wurde er mit Hand- und Fußfesseln in eine Ausnüchterungszelle auf die Polizeiwache in Cappel gebracht, wo er 8 Stunden ohne weitere Nachforschungen eingesperrt blieb.
Er trug mehrere schmerzhafte Wunden, Quetschungen und weitere Hämatome davon. Das Studentenwerk reagierte mit einer fristlosen Kündigung seines Mietvertrags mit der Folge, dass er die Woche darauf ausziehen musste. Hinzu kommt ein Hausverbot für sämtliche Räumlichkeiten des Studentenwerks Marburg inklusive der Mensa, und eine Schmerzensgeld-/Lohnfortzahlung für den besagten Mitarbeiter.
Das PHILIPP-Magazin berichtete bereits über den Vorfall: https://philippmag.wordpress.com/2015/08/21/carlos-fehler/
Der Betroffene fordert eine öffentliche Stellungnahme des Studentenwerks und eine Einleitung entsprechender interner Maßnahmen sowie die Kündigung des besagten Mitarbeiters.

Mit diesem Schreiben wollen wir, die Bewohner_innen des Bettenhauses unsere Solidarität mit dem Betroffenen ausdrücken und den Forderungen Nachdruck verleihen.
Klar ist, auch das Bettenhaus ist nicht frei von Rassismus und anderen Diskriminerungen. Dennoch ist es unser Anspruch, dieses zu thematisieren und zusammen daran zu arbeiten.

Der Vorfall im Studentendorf spiegelt eine rassistische Grundstimmung wieder, die nicht zuletzt auch durch zunehmende Übergriffe gegen People of Color und Refugees sichtbar wird. Das ignorante Verhalten des Studentenwerks, das ihren Mitarbeiter unkritisch in Schutz nimmt, ist untragbar und muss öffentlich thematisiert werden. Das Schweigen des Studentenwerks ist Ausdruck einer Unfähigkeit des kritischen Umgangs mit den eigenen Mitarbeiter_innen. Dass Diskriminierungen und Betroffenheiten hier nicht ernstgenommen werden, zeigen auch die Aussagen eines weiteren Mitarbeiters auf Nachfrage der Redaktion von PHILIPP und Freund_innen.

Im Rahmen der aktuellen Mietlage in Marburg und anderen Städten ist die vom Studentenwerk durchgesetzte fristlose Kündigung auch aus wohnungspolitischer Sicht rücksichtslos und repressiv. Die Mietpreise sind enorm hoch und steigen jedes Jahr. Viele Menschen sind aus strukturellen Gründen auf das vergleichsweise günstigere Wohnungsangebot des Studentenwerks angewiesen – ob sie es wollen oder nicht.
Besonders am Anfang des Semesters ist es nahezu unmöglich eine Unterkunft zu finden – gerade auch für People of Color, die oftmals garnicht erst zur Vorstellung in WGs eingeladen werden und sich die Suche aufgrund rassistischer Vourteile vieler Vermieter_innen noch schwieriger gestaltet. Wie soll es in diesem Kontext möglich sein, innerhalb einer Woche eine neue Wohnmöglichkeit zu finden?

Rassistisch ist auch das Verhalten der Polizei, die die Aussagen und Beschuldigungen der weißen Mitarbeiter ernstnimmt aber den Betroffenen nicht zu Wort kommen lässt, sondern ihn direkt fesselt und in eine Zelle sperrt.

Die erlittene verbale Gewalt durch rassistische Beleidigungen und die Konsequenzen für den Betroffenen bleiben hierbei völlig unbeachtet.
Diese verbale Gewalt hat für die Betroffenen eine enorme Tragweite, und kann gleichzeitig von weißen Personen in keiner Weise nachvollzogen werden und als schlimmer oder weniger schlimm eingeordnet werden.
Fest steht, dass Rassismus in jeglicher Ausdrucksform nicht akzeptiert werden kann und auf allen Ebenen bekämpft werden muss.